Ich gebe nicht auf!

Oliver Schalk

Oliver Schalk

Oliver Schalk, 54 Jahre alt, geboren in Berlin-Ost, ist verheiratet mit Andrea (53) und hat zwei Kinder und ein Enkelkind. Aus einem radikalen Hooligan wurde in friedlicher Mitarbeiter der Kinder- und Jugendarbeit in Sassnitz. Was hat diese Veränderung hervorgebracht? Die VOCE hat nachgefragt.

VOICE: Oliver, du bist in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Wie war das Leben für dich als Jugendlicher?

Schalk: Ich war schon immer ein „Gegen-den-Strom-Schwimmer“. Bereits mit 15 Jahren kam ich mit dem sozialistischen System in Konflikt. Ich zählte zu den ersten Punkern in Ostberlin und kritisierte die Staatsform und die Stasi-Bonzen, wie wir sie damals nannten, durch Liedtexte meiner Band „Ahnungslos“. Wir vervielfältigten unsere punkigen Protestsongs und verteilten sie an Freunde. Außerdem sprühte ich an die Wände eines S-Bahnhofs Parolen wie „DDR = KZ“ oder „Honnecker raus“, um meine Unzufriedenheit und meinen Hass gegenüber dem Staat zum Ausdruck zu bringen.

VOICE: Die Behörden tolerierten dieses Verhalten sicher nicht. Was waren die Reaktionen auf euch?

Schalk: Selbstverständlich kam mir die Staatssicherheit auf die Schliche. So wurde ich als Anführer einer staatsfeindlichen Gruppierung im Alter von 17 Jahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. In dem dortigen militärisch geführten Straflager sollten „politische Feinde“ auch durch angewandte Gewalt resozialisiert werden.

VOICE: Funktionierten diese Methoden tatsächlich?

Schalk: Bei den Anderen vielleicht, bei mir allerdings stärkte sich dadurch nur mein Hass und ich schrie: „Ich geb‘ nicht auf!“ Mein Ziel war Freiheit! Und die sah ich nur im Westen.

VOICE: Du hast es dann ja auch in den Westen geschafft. Wie gelang dir das?

Schalk: Das war gar nicht so leicht und geschah auch nicht sofort. Zwei weitere Gefängnisaufenthalte folgten dem ersten. Ich wurde zu einem aggressiven Schläger einer führenden Hooligantruppe. Alkohol und später auch harte Drogen wie Kokain bestimmten meinen Alltag. Dann floh ich 1989 zur Prager Botschaft, und über diese kam ich endlich in den so ersehnten Westen. Mein Motto war: „Ich geb nicht auf!“ Das Witzige daran: Eine Woche nach meiner Ankunft in Westberlin öffnete sich die Mauer!

VOICE: Du sagst immer wieder: „Ich geb‘ nicht auf.“ Für was hast du denn gekämpft?

Schalk: Ich glaube, ich habe vor allem für mich selbst gekämpft. Ich wollte mich irgendwie durchschlagen. Doch auch im wiedervereinten Deutschland änderte sich meine egoistische und unzufriedene Seele nicht. Mit Alkohol und Drogen aufgeputscht, zog ich mit meinen Hooligan-Freunden von Stadion zu Stadion auf der Suche nach Gewalt. Schlägereien mit anderen Fans und der Polizei waren an der Tagesordnung. Mit diesen Freunden eröffnete ich eine Kneipe, die zu einem Anlaufpunkt von den unterschiedlichsten Kriminellen wurde. Mein Absturz war vorgezeichnet.

VOICE: Als du so ganz am Boden warst, geschah eine Wende. Wie war das genau?

Schalk: Auf einem Bikertreff lernte ich Christen kennen, die mir eine Bibel schenkten, für mich beteten und mir ein authentisches erfülltes Leben aufzeigten. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Ich glaubte, Christen seien altmodisch, weltfremd und langweilig.

VOICE: Du warst also zuerst von diesen Menschen fasziniert. Konntest du dich auch für dein Geschenk, die Bibel, interessieren?

Schalk: Ja, auf jeden Fall! Einige Zeit später öffnete ich die Bibel. Ich befand mich gerade auf einer Kur in Bad Gandersheim und las von einem Gott, der Mensch wurde und zu den ganz „Kaputten“ ging. Dieser Jesus „fesselte“ mich. So machte ich mich, naiv wie ich war, auf die Suche nach dem lebendigen Gott!

VOICE: Wie sah das genau aus?

Schalk: Am 21. November 2002 bestieg ich einen Berg in Bad Gandersheim und forderte Jesus heraus: „Ich geb‘ nicht auf! Wenn es dich wirklich gibt, dann zeig dich mir als Mensch!“ Auf dem Gipfel des Berges angekommen, erkannte ich, dass ich mich auf dem Parkplatz einer Bibelschule befand. Meine Knie zitterten, auf dem Weg war mir gar nicht aufgefallen wo ich hinging. Ein Bibelschüler sprach mich an und fragte: „Suchst du jemanden?“ Stotternd stellte ich die Gegenfrage: „Bist du Jesus?“ Er verneinte lachend und meinte, er hätte aber einen guten Draht zu ihm. Aus dieser Begegnung entstand eine Freundschaft und daraus eine Gemeinde, speziell für sozial schwache Menschen und besonders für deren Kinder! In mir änderte sich so viel.

VOICE: Kannst du ein Beispiel dafür geben?

Schalk: Jesus schenkte mir ein Herz für eben diese Kinder, und ich hatte eine Berufung. Oft fehlt den Kindern (genau wie mir damals) ein Vater. Ich kann ihnen den Vater nicht ersetzen, aber … auf den liebenden Vater im Himmel hinweisen! Im September 2018 zog es meine Frau und mich nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Sassnitz auf Rügen. Unser Traum ist es, in einer Plattenbausiedlung ein ausgedientes Einkaufszentrum neu mit Leben zu füllen.

VOICE: Eine großartige Version, die aber auch nach viel Arbeit klingt. Habt ihr Unterstützung?

Schalk: Diese Idee wurde auch von der Evangelischen Gemeinde in Sassnitz mitgetragen und im Gebet unterstützt. Dann stellte sich das „Stadtteil-Projekte-Werk“ – „Jumpers e.V.“ (JUgend Mit PERSpektive) dahinter. Ich bin so dankbar und mit Freude erfüllt, dass JUMPERS diesen Traum mit uns teilt. Jeden Tag umwandere ich dieses leerstehende Objekt betend, in der Hoffnung, dass dort die Vergessenen und Übersehenden ein Zuhause bekommen.

VOICE: Wie ist der aktuelle Stand bei dem Projekt?

Schalk: Ich geb‘ nicht auf, daran zu glauben, dass dieser Traum Wirklichkeit wird. Es werden 180.000 Euro gebraucht, um das Projekt zu starten. Ein Kinder- und Familienzentrum, ein Einkaufsladen, ein Seniorentreff und vielleicht ein Frisör sollen dort entstehen. JUMPERS finanziert sich fast ausschließlich aus Spenden. Es ist aus meiner Sicht eine riesige Summe! Ich lebe aber mit einem Gott, der mir immer wieder zuruft: „Gib nicht auf!“ Das hat mich durch mein Leben getragen, und ich geb‘ nicht auf, daran zu glauben, dass Gott Menschen berührt, um diese Summe zusammen zu bekommen. JUMPERS Sassnitz braucht Spender, Mitarbeiter, Bauhelfer und Beter!

VOICE: Vielen Dank für das Gespräch Oliver! Wir beten, das sich noch viele für dieses Projekt begeistern lassen.